Offenstallhaltung: Wie vermeide ich Stress und Überfütterung?

Immer mehr Ställe entdecken die Gruppenhaltung von Pferden weil immer mehr Pferdebesitzer ihren Vierbeinern ein artgerechtes Leben mit Sozialkontakt und ständiger Bewegung ermöglichen möchten. In sogenannten „Offenställen“ wohnen dann mehrere Pferde in einer Gruppe zusammen. Eine große Schwierigkeit bei dieser Haltungsform ist die Fütterung- sollen doch alle Pferde stressfrei an ihr Futter kommen. So reichhaltig das Angebot an Offenställen heute ist, so unterschiedlich ist auch die Herangehensweise der einzelnen Stallbetreiber an das Thema „Pferdefütterung“. Wir haben hier einmal zusammen gefasst, welche Probleme es im Offenstall geben kann, worauf man bei der Stallwahl achten sollte und welche Lösungsansätze es gibt, den Pferden ein stressfreies Herdenleben ohne Magengeschwür, Fettsucht und Rehe ermöglichen.

Zuallererst einmal muss man natürlich festhalten, dass unsere Pferde alle Individuen sind und dass wir heute in Deutschland Pferde aus aller Welt und damit aus verschiedenen Klima- und Vegetationszonen beheimaten. Allein diese Tatsache macht die Haltung von Pferden in Offenstallgruppen zu einer Herausforderung für den Stallbetreiber: Bevor es überhaupt losgehen kann mit dem idyllischen Herdenleben, muss er ganz genau wissen, welches Pferd welche Vorraussetzungen mitbringt, welche Tiere fütterungstechnisch und charakterlich zusammen passen und wie er die Gruppen so managen kann, dass es keine Streitigkeiten gibt.

Welche Probleme kann es im Offenstall geben?

  • zu großer Druck in der Herde bei zu geringem Platzangebot
  • Herdenmitglieder ohne erlerntes Sozialverhalten
  • unterschiedliche Futterbedürfnisse der einzelnen Gruppenmitglieder
  • zu große Pferdegruppen
  • Dauerstress durch schlecht zusammengestellte Pferdegruppen (dadurch entstehen häufig Koliken, Kotwasser, Verletzungen, Stoffwechselprobleme mit seelischen Ursachen)
  • ungenügende Abstimmung der Fütterung mit der Weidehaltung
  • zu großes oder zu geringes Futterangebot
  • Stress beim Fressen
  • schlechtes Management der Liegeflächen
  • schlechtes oder fehlendes Weidemanagement (Wurmdruck)
  • starke Fluktuation
  • unregelmäßige Fütterungszeiten durch Selbstversorgerkonzepte

Worauf sollte ich also bei der Wahl des Offenstalls achten?

Leider ist es schwierig einen Leitfaden für DEN optimalen Offenstall an die Hand zu geben, eben weil unsere Pferde so individuell sind wie wir selbst. Allerdings ist es leider tatsächlich so, dass viele Offenställe sich als ungünstig für die Pferdehaltung entpuppen, ist man einmal eingezogen. Das liegt in erster Linie meist daran, dass viele Stallbetreiber auf kleine Paddocks und im Sommer 24 Stunden Weidegang setzen. Beides ist kontraproduktiv fürs Pferd. Im Sommer mag ein kleiner Paddock nicht weiter ins Gewicht fallen, weil das Pferd ja 24 Stunden Weidegang hat, jedoch ist er im Winter eine Ursache für Stress in der Pferdegruppe. Wenn die Tiere sich nicht ausweichen können oder besonders dominante Pferde andere nicht in den Liegebereich lassen oder vom Futter vertreiben, sorgt das für Stress.

Stress bedeutet beim Pferd fast immer, dass es zu Folgeerscheinungen kommt, die meist den Magen-Darm-Trakt betreffen. Ist der Magen oder die Darmflora einmal aus der Bahn geworfen, lassen Allergien und Co nicht mehr lange auf sich warten. Schubbernde, hustende Pferde sind häufig das Ergebnis. Ein Teufelskreis entsteht. Der Pferdebesitzer weiß meist nicht mal, dass die Haltungsform die Ursache für die immer weiter steigenden Arztrechnungen ist. Die meisten Pferdehalter stellen ihr Pferd schließlich in den Offenstall, weil das die artgerechteste Möglichkeit der Pferdehaltung sein soll.

Auch die 24 Stunden Weidegang im Sommer haben häufig Nachteile. Im Frühjahr beim Anweiden entsteht Stress weil nicht alle Pferdebesitzer ihre Pferde zeitgleich und in den gleichen Intervallen anweiden. Da drehen besonders sensible Kandidaten schonmal auf, wenn auf der Nachbarwiese fröhlich gegrast wird während man selbst noch zum Warten verurteilt ist (wieder Stress), weil Halter A morgens in den Stall kommt und Halter B abends. Auch stoffwechselproblematische Pferde bieten Konfliktpotential: Sie müssen langsam angeweidet werden und dürfen häufig gar nicht 24 Stunden raus. Was ist die Alternative? Was, wenn nicht alle Pferdebesitzer einer Gruppe an einem Strang ziehen? Schneller als gedacht, kann es dann auch zu EMS, zur Hufrehe oder zu schlimmen Haut- und Verdauungssystemserkrankungen kommen.

Aber selbst wenn die Pferde nicht so empfindlich sind, zeigt sich gerade im Frühjahr eine schnelle Verfettung (das Gras im Frühjahr ist sehr zuckerhaltig und sorgt wenn nicht jetzt, dann später für Probleme, die wir dann nicht mehr unbedingt mit dem Gras in Verbindung bringen. Starke Gewichtszunahmen und Abnahmen sind außerdem auch nie gesund. Weder für den Stoffwechsel noch für die Gelenke!) und im weiteren Verlauf des Jahres zeigt sich ein weiteres Problem: Die Überweidung. Ab Ende Juli sind vielerorts die Weiden leer. Auch das ist ungünstig für die Verdauung der Tiere und sorgt wieder für Nachteile. Geschwollene Ganaschen sind im August dann noch das kleinere Übel. Viele Pferde nehmen jetzt Unmengen an Sand und Erde mit auf, weil das Gras zu kurz ist. das kann zu Koliken führen. Manche Wiesen sind aufgrund der Überweidung von Klee übersät. Liegt der Weißkleeanteil der Pferdewiese über 30 %kann es schnell zu Problemen im Magen-Darm-Trakt der Pferde durch zu hohe Eiweißgehalte und zu geringe Struktur kommen.

Auch das Fütterungsmanagement spielt eine große Rolle. Die Fütterung der Gruppe sollte so organisiert sein, dass kein Pferd leer ausgeht. Selbst das rangniedrigste, ängstlichste oder kleinste Pferd sollte Heu und evtl Kraftfutter fressen können, ohne dabei Sorge haben zu müssen vertrieben oder verletzt zu werden. Eine ausreichende Heuversorgung mit genügend Plätzen für die einzelnen Tiere muss gewährleistet sein. Auch im Offenstall gilt die Regel, dass Pferde nie länger als vier Stunden ohne Heu verbringen sollten.

Beim Thema Heufütterung sollte bedacht werden, dass jede Futterumstellung zu einer Umschichtung der Darmflora führt. Eine Fütterung mit großen Quaderballen ist daher nur bei größeren Pferdegruppen, bei denen ein solcher Quaderballen maximal zwei Tage vorhält, sinnvoll. Allerdings muss hier auch wieder gewährleistet sein, dass alle Pferde ohne Stress an den Ballen herankommen. Wird über längere Zeit ein Ballen gefüttert und dann zu einem anderen gewechselt, sorgt das für ein gehöriges abruptes Durcheinander der Darmflora. Und wieder ist der Stoffwechsel in Gefahr. Es kommt zu Fehlgärungen, Kotwasser etc.

Die Kraftfutteraufnahme sollte durch Fressständer geregelt werden, bei denen sich die einzelnen Pferde nicht gegenseitig beißen oder treten können. Häufig kommt es trotzdem zu Rangeleien und manche Pferde greifen schwächere Kandidaten gezielt im Fressständer an. Die einfachste und sinnvollste Lösung dieser Problematik ist eigentlich eine individuelle Fütterung der Pferde nach der Arbeit außerhalb der Gruppenzone (z.B. am Putzplatz, wo das Pferd seine Ruhe hat). Pferde die ausreichend mit Heu versorgt werden brauchen meist, werden sie im Freizeitbereich eingesetzt, maximal eine Kraftfutterration am Tag, die auf diese Weise sehr viel stressfreier gestaltet werden kann. So lässt sich auch ein weiteres Problem der Offenstallhaltung weitestgehend vermeiden: unterschiedliche Fütterungszeiten.

Ein Pferd ist ein Gewohnheitstier. Wird vom Stall aus Kraftfutter gefüttert oder Heu aufgehängt, sollte dies immer zu denselben Zeiten geschehen. Ist das nicht der Fall, weil z.B. Selbstversorger zu unterschiedlichen Zeiten in den Stall kommen oder weil der Stall Dritte mit der Fütterung beauftragt und diesen große Zeitfenster einräumt, in denen gefüttert werden kann, kommt es ebenfalls wieder zu Stress. Und Stress bedeutet, wie wir jetzt wissen, Folgeerkrankungen. Ist stattdessen die Heufütterung geregelt und wird das Kraftfutter gezielt nach der Arbeit vom Reiter verfüttert, stellt sich das Pferd darauf ein und eine große Stressursache ist beseitigt. Fütterungs- und Heuautomaten können hier auch im Offenstall eine Lösung darstellen.

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Welche Lösungsansätze gibt es, die Pferden ein stressfreies Herdenleben ohne Magengeschwür, Fettsucht und Rehe ermöglichen?

Ein Offenstall ist eigentlich eine schöne Idee und kann, wird er gut gemanagt, dem Pferd optimale Haltungsbedingungen bieten. Dieses Management sollte allerdings folgende Punkte auf jeden Fall berücksichtigen:

  • große Paddocks, die ganzjährig, also auch in der kalten und nassen Jahreszeit, benutzbar sind. Dafür ist eine ordentliche Befestigung der Böden wichtig, Wasser muss ablaufen können und die Pferde müssen trocken stehen können. Unter einem großen Paddock verstehe ich ein Paddock, das auch eine schnellere Bewegung sowie ein paar Galoppsprünge zulässt und es den Pferden erlaubt sich gegenseitig weiträumig aus dem Weg zu gehen.
  • große überdachte Flächen und großzügige Liegeflächen, in denen alle Pferde Platz haben und die weich eingestreut und sauber sind
  • ein gutes und durchdachtes Fütterungsmanagement v.a. was die Heufütterung anbetrifft. Dabei darf kein Pferd zu kurz kommen und es darf kein Stress um Futter-Ressourcen entstehen. Das Heu sollte den Ansprüchen an eine pferdegerechte Ernährung entsprechen und bei Bedarf auch Stoffwechselprobleme und Rehe berücksichtigen (wann und wo wurde es gemäht und getrocknet? Was ist drin? Wie füttere ich angepasste Mengen, ohne dass irgendein Pferd zu kurz kommt?).
  • Weidemanagement mit ausreichend Weideflächen für rotierende Weidehaltung (pro Gruppe sollten drei-vier Flächen zur Verfügung stehen, die nacheinander beweidet werden und so immer wieder Zeit zur Erholung haben), 24 Stunden Weidehaltung sollte kein Sommerziel des Stallbetreibers sein, damit er Zeit und Geld sparen kann, sondern nur erlaubt werden, wenn wirklich sicher ist, dass alle Pferde sie auch vertragen. Die Gruppe sollte sich immer nach dem schwächsten Glied richten. Ist ein Pferd empfindlicher als die anderen, müssen sich alle an ihm orientieren. Hat ein Pferd Hufrehe oder Allergien, müssen eigentlich auch die anderen Gruppenmitglieder auf das Weidegras verzichten. Das bedeutet auch, dass der nächste Punkt „Gruppenzusammensetzung“ einen hohen Stellenwert einnimmt.
  • Die Gruppenzusammensetzung muss durchdacht sein: Welcher Rasse gehören die eigenen Gruppenmitglieder an? Sind sie alle leichtfuttrig? Gravierende Unterschiede (z.B. der schwerfuttrige Araber mit dem leichtfuttrigen Haflinger zusammen in einer Gruppe) bergen großes Konfliktpotential und dienen weder dem einen noch dem anderen Pferd. Charaktereigenschaften müssen ebenso berücksichtigt werden wie Geschlecht und Unarten bei der Gruppenzusammenführung.
  • Bewegungsanreize sollten gesetzt werden: Dazu gehört z.B. dass die Pferde ihr Wasser an einer anderen Stelle finden als ihr Heu. Dadurch müssen sie sich bewegen, wenn sie Durst haben oder Heu zupfen wollen. Auch die Liegefläche und z.B. das Sandbad können wieder an anderen Ecken eingerichtet werden. Im Idealfall kann man noch wechselnde Untergründe einbauen und dafür sorgen, dass eine Gruppe fast immer in Bewegung bleibt. Solche Konzepte nennen sich „Paddock-Paradise“ und ähneln Rundwegen, in denen sich die Pferde tatsächlich sehr viel mehr bewegen. Das hat Vorteile für die Gesundheit von Stoffwechsel, Gelenken und Hufen.

Sind diese Dinge nicht gewährleistet, birgt der Stall für das Pferd Gesundheitsrisiken. Jeder, der sein Pferd in einem Offenstall unterbringen möchte, sollte sich über die Gefahren einer unausgegorenen Offenstallhaltung im Klaren sein. Die Umsetzung einiger dieser Punkte ist sehr aufwändig für Stallbetreiber, hilft aber Wohlstandserkrankungen wie EMS, Cushing oder Hufrehe sowie fütterungs- und haltungsbedingte Allergien zu vermeiden.

Halten Sie Ihr Pferd im Offenstall? Wie sind Haltung und Fütterung bei Ihnen organisiert? Haben Sie oder Ihr Stallbetreiber besonders schöne Lösungen für eine pferdegerechte Haltung gefunden? Wie sehen diese aus? Schreiben Sie über Ihre Erfahrungen! Wir freuen uns auf Ihren Kommentar.

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2 thoughts on “Offenstallhaltung: Wie vermeide ich Stress und Überfütterung?

  1. Nina Antworten

    Wir halten unsere zwei Fjordpferd in Eigenregie und haben letzten Herbst den Offenstall in eine Art Paddocktrail um- und eingezäunt. Sie bekommen Heu aus Heunetze und müssen einmal den kompletten Auslauf durchqueren um zur Wasserstelle zu kommen. Meine Schwester ihr Wallach hat durch das langsamere fressen aus den Heunetze und das ständige bewegen super abgenommen. Ich kann mir keine andere Haltung mehr vorstellen!

    1. marvin Antworten

      Das klingt super Nina! Vielen Dank für dein Kommentar!

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