Hufrollenentzündung (Podotrochlose)

Hören wir als Reiter den Begriff “Hufrolle“, dann denken wir sofort an eine mit Lahmheiten einhergehenden Erkrankung. Welche Strukturen genau betroffen sind und dass der Begriff als solcher eigentlich nur den betroffenen Bereich im Huf benennt und damit viele verschiedene Erkrankungen von der Hufrollenentzündung bis zur Hufrollennekrose gemeint sein können, wissen immer noch die Wenigsten unter uns. Ich möchte mich in diesem Artikel näher mit der Hufrollenentzündung, die auch Strahlbeinerkrankung oder auch Podotrochlose genannt wird, beschäftigen. Diese Erkrankung verläuft häufig schleichend, betrifft in den meisten Fällen die Vorderbeine und ist nicht ganz leicht zu diagnostizieren.


 

Hufrolle

Diese Strukturen sind bei Hufrollenerkrankungen betroffen. Die Hufrolle selbst bezeichnet den Komplex aus Strahlbein und Hufrollenschleimbeutel.

Anatomisch handelt es sich bei der „Hufrolle“ nicht um eine einzelne Struktur, sondern genau genommen um einen ganzen Struktur-Komplex, den sog. “Hufrollenkomplex”. Dazu gehören sämtliche Teile, die sich im hinteren Bereich des Hufes befinden. In der englischsprachigen Literatur spricht man daher auch von “palmar foot pain”. Das bedeutet übersetzt „Schmerzen im Hufinnenbereich“.

Dieser Strukturkomplex umfasst das Strahlbein (dieser kleine runde Knochen liegt in Richtung Ballen zwischen Kron- und Hufbein), dessen Bandapparat, die Gelenkfläche zwischen Strahlbein und Hufgelenk, die in diesem Bereich über den Schleimbeutel (Bursa podotrochlearis) am Strahlbein gelenkte tiefe Beugesehne sowie alle Gefäße und Nerven die das Stahlbein versorgen. Die „Hufrolle“ bezeichnet aber ganz konkret den Komplex aus Strahlbein, Bursa podotrochlaris und tiefer Beugesehne – also einen Bereich, der starken Belastungen in der Bewegung ausgesetzt und dadurch sehr verschleißanfällig ist. Da die Vorderbeine bis zu 65% des Körpergewichtes tragen, sind sie auch sehr viel anfälliger für Erkrankungen in diesen Strukturen. Unter der Hufrollenentzündung verstehen wir entzündliche Prozesse in genau diesem Bereich. Hat sich die glatte Knorpelschicht des Strahlens oder der Hufrollenschleimbeutel so entzündet, dass der Knorpel angegriffen und zerstört wird, sorgt dies auch für Veränderungen an der darüber laufenden tiefen Beugesehne. Ein Teufelskreis mit starken Schmerzen entsteht. 


Ursachen:

  • falsche Zuchtziele: Eine Kombination aus zierlichem Fundament und viel Körpermasse birgt ein höheres Risiko für eine Überlastung der Vordergliedmaßen
  • Training: Als Fluchttier ist der Bewegungsapparat des Pferdes für eine schnelle Bewegung nach vorne vorgesehen. Dies steht dem vom Menschen praktizierten Reiten auf gebogenen Linien in der Reitbahn gegenüber. Hierbei werden die, eigentlich nicht dafür konzipierten Pferdebeine, häufig durch unsachgemäßes Training übermäßig belastet. Ebenso schädlich ist eine ebenfalls durch falsches Training hervorgerufene zu starke Belastung der Vorhand. Bei Wildpferden konnte noch keine Hufrollenerkrankung nachgewiesen werden.
  • Ausbildung: Jungpferde werden zu früh und zu intensiv genutzt und belastet.
  • Aufzucht: Fohlen können sich nicht ausreichend bewegen, dadurch bekommen Knochen, Gelenke, Sehnen und Bänder nicht die nötige Stabilität. Außerdem müssen bei Fohlen regelmäßig die Hufe kontrolliert und ggf. korrigiert werden, damit sich keine Fehlstellungen entwickeln, die wiederum eine Erkrankung begünstigen würden. Eine große Rolle spielt in der Aufzucht auch die Nährstoffzufuhr. Mängel aber auch Überversorgungen können immer zu Fehlentwicklungen und stärkere Anfälligkeit des Knochen und Bänderapparates führen.
  • Hufbearbeitung und Hufform:  Ist der Huf nicht in Balance, kann das eine Hufrollenentzündung begünstigen, da die stoßdämpfenden Strukturen im Huf nicht ausreichend entwickelt sind. Dies kann durch eine ungünstige Hufform verschlimmert werden. Vorsicht also bei zu steilen und zu flachen Hufen sowie bei Hufen mit zu langer Zehe oder Hufen mit engen oder untergeschobenen Trachten. 
  • Bewegung: Auch nach dem Fohlenalter sorgt zu wenig Bewegung für eine Schädigung des Knorpels im Hufgelenk. Stehen verhindert, dass die Strukturen des Hufes ausreichend mit Nährstoffen versorgt werden. Nur mit ausreichend Bewegung funktioniert der Hufmechanismus optimal.
  • Hufbeschlag: Eisen behindern prinzipiell den von der Natur vorgesehenen Hufmechanismus. Eine dämpfende Funktion wie beim Barhuf ist so nicht gegeben. Das kann die Hufrolle auf Dauer schädigen.
  • DNA: Wissenschaftler vermuten auch, dass eine Anfälligkeit für Hufrollen-Erkrankungen erblich sein könnte.  
  • Pflege: Wird der Huf nicht ausreichend und nicht richtig gepflegt, kann auch das zu einer Durchblutungsstörung und weiter zu einer Schädigung der Hufrolle führen.
  • Theorie: Manche Wissenschaftler verdächtigen auch Nerven, an der Erkrankung Schuld zu sein. Diese Theorie vermutet eine Nervenquetschung am siebten Halswirbel. Über diese Quetschung käme es dann zu einer schlechteren Durchblutung der Vorderhufe. 

Wildpferde

Bei Wildpferden und naturnah in Freiheit gehaltenen Pferden sind Hufrollenentzündungen nicht bekannt.


Symptome:

  • anfangs sind Symptome kaum wahrzunehmen
  • das Pferd macht kürzere Schritte, zeigt klamme Gänge
  • im weiteren Verlauf geringgradige Lahmheit der Vordergliedmaßen
  • die Vorderbeine sind wechselseitig lahm
  • das Pferd entlastet immer ein Vorderbein
  • das Pferd hebt das kranke Bein an oder entlastet es indem es das Bein vorstellt (Entlastung der Hufrolle)
  • das Pferd stolpert, die Bewegungen sind nicht taktrein
  • das Pferd versucht die betroffenen Strukturen zu entlasten, indem es die Zehen in der Box in die Einstreu schiebt
  • im fortgeschrittenen Stadium zeigt das Pferd eine erhebliche Lahmheit
  • das Pferd zeigt Taktstörungen in engen Wendungen
  • das Pferd weigert sich engere Wendungen zu machen
  • das Pferd verweigert immer häufiger das Springen, vor allem bei hohen oder weiten Sprüngen
  • das Pferd möchte auf harten Böden nicht laufen 
  • das Pferd wirkt steif und kommt nur vorsichtig aus der Box
  • das Pferd scheint Angst vor dem Auffussen zu haben

Diagnose:

Grundsätzlich teilen Tierärzte Lahmheiten und Röntgenbefunde in vier verschiedene Schweregrade auf.  Je nach Tierarzt kann diese Beurteilung jedoch sehr unterschiedlich ausfallen.

Die Befundklasse 4 bedeutet dabei, dass das Pferd dauerhaft lahm ist und dass die Röntgenaufnahmen starke Veränderungen an den betroffenen Knochen und Bändern zeigen.

Es ist sehr wichtig, dass andere Verletzungen und Lahmheitsursachen bei der Diagnose ausgeschlossen werden. Die Tatsache, dass selbst viele Tierärzte nur über unzureichende Kenntnisse bezüglich gesunder Hufformen verfügen, sorgt dafür, dass selbst offensichtlich verformte Hufe von Tierärzten nicht als solche erkannt werden.

So können beispielsweise Strahlfäule und Strahlpilz mit einer tiefen Furche bis in den Ballen und eine Entzündung der Strahlbeinbänder das gleiche Lahmheitsbild zur Folge haben. Erschwerend kommt hinzu, dass eine ungünstige Hufform sowohl selbst die Ursache der Lahmheit sein kann als auch die Folge einer Entlastungshaltung aufgrund von Schäden am Hufrollenkomplex selbst.


Krankheitsverlauf:
Pferde zeigen gerade Lahmheiten erst spät, da sie als Flucht- und Beutetiere immer versuchen Defizite zu verbergen, um dem Freifeind keine Angriffspunkte zu geben. Allein schon aus diesem Grund wird eine Hufrollenentzündung meist erst sehr spät im fortgeschrittenen Stadium oder per Zufall entdeckt.


Behandlung:

Es gibt verschiedene Behandlungsansätze bei Erkrankungen des Hufrollenkomplexes. Konventionell raten Tierärzte und Hufschmiede meist zu einem Beschlag, der die betroffenen Strukturen entlasten soll. Dabei werden die Trachten höher gestellt und die Zehe wird bewußt stärker gekürzt. Damit soll der Abrollpunkt weiter zurück gesetzt werden, so dass er sich weiter unter dem Hufbein befindet. Das kann Trachten und Huf aber schaden und zu Zwanghufen führen. Eine andere Möglichkeit sind runde, geschlossene Eisen. Sie nehmen den Druck von der Hufrolle. Allerdings auch vom Ballen, der dadurch in seiner Funktion eingeschränkt wird und dessen Durchblutung dadurch gestört wird. Letzteres sorgt im akuten Fall aber auch dafür, dass der Schmerz verringert wird. Kurzfristig kann so durch eine Schmerzlinderung Besserung erzielt werden. Es handelt sich bei diesem Vorgehen lediglich um eine mechanische Symptombekämpfung, die allerdings für eine kurzfristige Entlastung der Strukturen um z.B. eine Entzündung abheilen zu lassen, durchaus Sinn machen kann. So sinnvoll eine solche Entlastung im akuten Fall ist, so schädlich ist sie aber im weiteren Verlauf einer Behandlung, da sie den hinteren Hufbereich vollkommen seiner natürlichen Funktion beraubt.

Grundsätzlich ist die Nutzbarkeit so bearbeiteter Pferde als Reitpferd jedoch weiterhin stark eingeschränkt und eine Heilung unwahrscheinlich. In jedem Fall sollte eine Behandlung immer auf das jeweilige Pferd zugeschnitten sein und auf dessen Situation. Als Ziel jeder Behandlung sollte im Vordergrund stehen, dass das Pferd im Stand und in der Bewegung mindestens schmerzfrei ist.

Tierärzte empfehlen Hufrollenpatienten schonende Bewegung. Diese sollte situationsgebunden und nach Befund im Rahmen eines Therapieplanes mit dem Tierarzt abgesprochen werden. Bei manchen Befunden sollte harter Boden gemieden werden, bei anderen ist gerade harter Boden besser für das Pferd. Unebene Böden sind in keinem Fall ratsam für die Genesung. Das Pferd sollte sich möglichst viel selbst bewegen können auf Raddock oder Wiese ohne dabei die Strukturen zu überlasten.

Medikamentös kann der Tierarzt entzündungshemmende und durchblutungsfördernde Mittel einsetzen. Auch Hyaluron oder Kortison können zum Einsatz kommen. Da es sich bei der Hufrollenentzündung um einen knorpelabbauenden Prozess handelt, können auch Medikamente, die den Knochenstoffwechsel beeinflussen wie z.B. Tildren eingesetzt werden. Tildren ist ein sogenanntes Biphosphonat. Es hemmt den Knochenabbau und unterstützt so einen Knochenaufbau.

Manche Tierärzte setzen als letztmögliche Maßnahme einen Nervenschnitt ein. Dadurch werden die Schmerzen nicht mehr ans Gehirn weitergeleitet und das Pferd lahmt nicht mehr. Diese Maßnahme ist jedoch sehr umstritten, da die Ursache nicht behoben wird, sich weiter verschlimmert und das Pferd dadurch auch den betroffenen Huf nicht mehr so spürt wie vorher. Dadurch kann es zu gefährlichen Situationen wie Stolpern, Überlastung der Strukturen oder unerkannten Hufgeschwüren kommen. Der Besitzer des Pferdes sollte sich diesen Schritt also sehr gut überlegen.

In Fällen in denen eine ungünstige Hufform oder eine schlechte Hufbearbeitung zu Fehlstellungen und Fehlnutzungen der Hufe geführt haben, ist es sinnvoll, die Hufbearbeitung zu überdenken und einen Fachmann zu Rate zu ziehen, der die Hufe ganz langsam und behutsam in ihr natürliches Gleichgewicht bringt. Dabei kann zur Schmerzlinderung und Entlastung ein spezieller Hufschutz für eine gewisse Zeit sinnvoll sein (z.B. Hufschuhe), der den Hufmechanismus aber nicht einschränkt sondern fördert. Grundsätzlich erscheint ein ganzheitlicher Ansatz bei der Behandlung von Hufrollenerkrankungen als sehr sinnvoll.

 


Vorbeugung:

Um einer Hufrollenerkrankung vorzubeugen, muss man dafür sorgen, dass der hintere Hufbereich des Pferdes gesund und kräftig ist und bleibt und der Hufmechanismus funktionieren kann: 

  • kräftige, gesunde Hufknorpel und Stahlkissen sind offenbar erblich. Bei der Zucht von Pferden sollte daher darauf ein besonderes Augenmerk gelegt werden
  • Jungtiere sollten viel Bewegung haben und möglichst auf unterschiedlichem Untergrund gehalten werden. Außerdem ist hier auf eine bedarfsgerechte Fütterung zu achten. 
  • Pferde sollten niemals vor Beendigung des Wachstums beschlagen werden
  • Bei der Hufbearbeitung sollte immer auf einen guten Kontakt des Strahls zum Boden geachtet werden. Fehlstellungen sind zu vermeiden, zugunsten gesunder Hufe sollte möglichst weitgehend auf Beschlag, sofern nicht wirklich nötig, verzichtet werden. Hufrollenentzündungen werden bei barbusigen Pferden deutlich seltener festgestellt
  • jedes Pferd sollte sich möglichst viel frei mit seinen Artgenossen bewegen können

Prognose:

Eine akute Hufrollenentzündung, die sinnvoll und vorausschauend therapiert wird, kann nach etwa vier bis sechs Wochen auskuriert sein. Eine chronische Hufrollenentzündung bei der schon Strukturen im Hufinneren zerstört sind, ist nicht heilbar.


Alternative Behandlung+ Besonderheiten bei der Fütterung:

Bestimmte Kräuter und Kräutermischungen wirken entzündungshemmend, stoffwechselaktivierend und durchblutungsfördernd. All das kann dazu beitragen, dass die betroffenen Strukturen regenerieren können.

Zu diesen Kräutern gehören z.B. Gingko, Brennnessel, Teufelskralle oder Mädesüß. Lassen Sie sich bitte von einem Heilpraktiker oder Physiotherapeuten beraten, welche Mischung für Ihr Pferd die Richtige ist.

Eine bedarfsgerechte Fütterung ist außerdem wichtig, um die Knochen, Knorpel, Bänder und Sehnen mit den notwendigen Nährstoffen zu versorgen.


Quellen:

Facebook Like

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.