Rübenschnitzel- Abfallprodukt oder wertvolles Futter?

Fakten: 

Wenn wir über die Fütterung von Rübenschnitzeln nachdenken, dann müssen wir, um ihren Nährwert zu beleuchten, zunächst einmal wissen, womit wir unsere Pferde da eigentlich füttern. Rübenschnitzel sind ein Beiprodukt der industriellen Zuckergewinnung. Für diesen Vorgang werden die Zuckerrüben vom Feld gewaschen und klein gehäckselt (=Vollschnitzel), anschließend wird mit heißem Wasser und mit Kalkmilch (=Scheidekalk) der Zucker aus dem Rübenmark herausgelöst (auslaugen). Übrig bleibt einerseits zuckerhaltiger Saft (Melasse), der dann zu Zucker weiterverarbeitet wird, und andererseits das ausgelaugte Rübenmark (=sog. Naß- oder Diffusionsschnitzel). Trockenrübenschnitzel (auch einfach Zuckerrübenschnitzel genannt) werden heute meist als Pellets angeboten. Dabei gibt es zum einen Trockenschnitzel, die mit Melasse versetzt sind (=Melasseschnitzel) und Rübenschnitzel ohne Melasse. Trockenrübenschnitzelanteile (bis 10%) sind häufig auch in Mischfuttermitteln zu finden. Zuckerrübenschnitzel bestehen hauptsächlich aus Pektinen und Zucker und sind durch die Verwendung des Scheidekalks kalziumhaltig. Früher wurden schwer arbeitende Zugpferde häufig mit Rübenschnitzeln gefüttert, da man sie so auf günstige Weise satt füttern und mit schneller Energie versorgen konnte.


Vorteile:

  • hohe Verdaulichkeit durch gute Fermentierbarkeit der Gerüstsubstanzen (Rohfaser) im Dickdarm
  • fördert eine lockere Schichtung des Futterbreis im Magen und damit eine gute Durchsaftung des Nahrungsbreis mit Magensäure
  • energiereich durch hohen Pektingehalt und Zucker
  • reich an Calcium
  • eiweiß- und phosphorarm
  • kann Haferrationen, die phosphorreich und kalziumarm sind, ausgleichend ergänzen

Nachteile:

  • zeitaufwändig durch lange Einweichzeiten
  • leicht verderblich, vergären leicht bei Wärme aufgrund des hohen Zuckergehaltes
  • kann bei hohem Zuckergehalt Stoffwechselstörungen auslösen
  • ungünstiges Phosphor-Calcium-Verhältnis: der hohe Calciumgehalt muss berücksichtigt und ausgeglichen werden, sonst kommt es zu einem Phosphor-Mangel

Rübenschnitzel in Pellteform
Rübenschnitzel in Pellteform
Rübenschnitzel in Flockenform
Rübenschnitzel in Flockenform

 

 

 

 

 

 


Wie viel kann ich füttern?

Die Meinung darüber, wieviel Zuckerrübenschnitzel ein Pferd am Tag verträgt, geht in den verschiedenen Standardwerken zur Pferdefütterung stark auseinander. Grundsätzlich sollte jedoch dasselbe gelten, wie bei anderen Futtermitteln auch: Die Menge richtet sich nach dem Energiebedarf des Pferdes. Bei Rübenschnitzeln sollte überdies der Melasse-Anteil (Zucker) bei der Berechnung berücksichtigt werden. Der Rübenschnitzelanteil an der Gesamtfutterration sollte deshalb drei Prozent nicht überschreiten. Die Empfehlungen in den Fütterungsbüchern gehen von ein bis zwei Handvoll (im getrockneten Zustand abgemessen) bis zu deutlich höheren Rationen von bis zu 1 kg/100kg KM pro Tag und Pferd. Eine so hohe Menge sollte allerdings kritisch betrachtet werden und nur bei entsprechender Leistung des Pferdes infrage kommen.

Bei schwerfuttrigen und mageren Pferden werden meist Rübenschnitzel mit Melasse gefüttert. Das ist abzulehnen. Die Ration hat dann einen hohen Zuckeranteil, was vor allem im Hinblick auf ein mögliches Risiko für Insulinresistenz (Diabetes) und EMS beachtet werden muss. Der Gesamtzuckergehalt der Rübenschnitzelration sollte für Pferde immer möglichst gering sein. Zum Auffüttern von schwerfuttrigen und mageren Pferden ist eine Ad Libitum Heuversorgung sehr viel besser geeignet.


Was ist zu beachten?

1.) Pferde fressen Rübenschnitzel sehr gerne und vertragen in der Regel eine begrenzte Menge auch sehr gut. Der Rübenschnitzelanteil an der Gesamtfutterration darf allerdings höchstens drei Prozent betragen. Häufig werden sie dennoch in Mengen bis zu 20 Kilogramm pro Tag verfüttert. Auch wenn das der Energiemenge von 4,5 Kilogramm Hafer entspricht, kann man Hafer nicht durch Rübenschnitzel ersetzen. Bei den Rübenschnitzeln kommt die Energie fast ausschließlich aus reinem Zucker und Pektin. Würden wir Menschen all unsere Kraft aus Schokoriegeln beziehen, hätten wir wahrscheinlich bald Verdauungs- und Gesundheitsprobleme. Genau so geht es Pferden auch.

2.) Bei Trockenschnitzeln muss beachtet werden, dass sie in einem Verhältnis von 1:4 (1 kg Trockenschnitzel + 4 Liter Wasser) vor der Verfütterung mindestens 2 Stunden (je nach Herstellerangaben) besser jedoch eine ganze Nacht eingeweicht werden sollten. Das hängt damit zusammen, dass die Pektine stark quellen. Werden die Pellets oder Schnitzel nicht eingeweicht, droht die Gefahr einer Schlundverstopfung oder sogar einer Magenruptur (Magenriss). In warmem Wasser quellen Rübenschnitzel übrigens ein bißchen schneller als in kaltem.

3.) Problematisch wird es im Sommer und im Winter: Bei Hitze startet nach kurzer Zeit aufgrund des enthaltenen Zuckers der Gärprozess. Riechen Sie deshalb immer an der Rübenschnitzel-Ration bevor Sie sie verfüttern. Riecht sie vergoren, sollten Sie sie Ihrem Pferd nicht füttern sondern sie entsorgen. Achten Sie darauf, die Rübenschnitzel an einem kühlen Ort und am besten über Nacht aber nicht länger als 24 Stunden einzuweichen. Im Winter besteht die Gefahr, dass das Wasser zum Einweichen friert. Ist das der Fall, können die Schnitzel nicht quellen und dürfen nicht verfüttert werden!

4.) Wichtig ist auch, wie bei allen Futterumstellungen, dass sich die Verdauung Ihres Pferdes anfangs auf die Rübenschnitzel neu einstellen muss. Erfolgt die Umstellung zu rasch, können die Inhaltstoffe wie das Pektin, nicht aufgenommen werden. Also: Langsam mit ganz kleinen Mengen anfangen und dann kontinuierlich füttern- keine abrupten Fütterungsänderungen!


Für wen sind Rübenschnitzel geeignet?

  • für Sportpferde
  • als Ergänzung im Winterspeiseplan
  • bei hastigen Fressern, um die Kraffutterration durch Fasern zu strecken
  • für Pferde mit Magenschleimhautentzündungen (das enthaltene Pektin saugt Magensäure auf)

Für wen sind Rübenschnitzel nicht geeignet?

  • für Pferde mit Harnsteinen (aufgrund des hohen Kalziumgehaltes)
  • für Pferde mit Stoffwechselproblemen (da der Zuckeranteil sehr hoch oder schwer zu bestimmen ist)

Kontrovers:

Zuckerrübenschnitzel sind also nach den obigen Angaben durchaus ein Futter, das wir unseren Pferden bedenkenlos füttern können. Oder?

Dr. Christina Fritz, Autorin des Buches „Pferde fit füttern“ sieht das nicht so. Sie widerspricht den deutschen Standartwerken von Meyer/Coenen und Bender, beruft sich auf amerikanische Veröffentlichungen ( z.B. von David Frape und von Geor/Coenen) und meint, das Gegenteil sei der Fall. Aber wo sieht sie die Probleme bei der Fütterung von Zuckerrübenschnitzeln?

Ihrer Meinung nach, ist das Pektin kritisch zu sehen. Dieses liesse die falschen Mikrooganismen, nämlich die Gruppe der Protozoen, im Darm wachsen. Protozoen sind einzellige Organismen, die unter natürlichen Umständen immer im Dickdarm des Pferdes zu finden sind. Wird das Pferd natürlich ernährt, ist wenig Pektin im Futter und die Protozoen vermehren sich nicht übermäßig. Da die Protozoen aber gerne Pektin futtern, führe eine erhöhte Zufuhr dieses Stoffes zu einem signifikanten Anstieg eben dieser in großer Anzahl den Dickdarm ansäuernden Mikroorganismen. Ein solcher Prozess führe zu einem erhöhten Risiko für Hufrehe, insbesondere zur Frühjahrs-und Fruktan-Hufrehe.

Aber ist es denn nicht gut, dass das Pektin den Magen schont? 

Frau Dr Fritz erklärt: „Pektine saugen Magensaft auf, wenn das Pferd zu lange Raufutterpausen hat.“ Dadurch kann die Magenwand dann nicht mehr angegriffen werden. Denselben Effekt hat allerdings auch Heu. „Nur dass das im Gegensatz zu den Pektinen nicht zu Fehlgärungen im Dickdarm führt.“ Rübenschnitzel haben deshalb in den Augen der Biologin nichts in der Pferdefütterung verloren.

Prof. Dr. Annette Zeyner von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg teilt diese Bedenken nicht. Kritisch sieht sie lediglich den darin enthaltenen Zucker, dessen Konzentration zunächst nicht sicher bekannt ist, sei es aus Restzucker oder aus einer nachträglicher Melassierung des Produktes. Sie weist darauf hin, dass der Pferdehalter bei der Auswahl des Produktes auf jeden Fall auf den Zuckergehalt achten sollte. „Ansonsten sind Rübenschnitzel eigentlich ein sehr schönes Produkt.“ Sie schätzt vor allem den Pektingehalt und die lockere Schichtung des Mageninhalts nach Fütterung in vorgequollenem Zustand. Voraussetzung für eine pferdegerechte Fütterung sei allerdings, dass sie fachgerecht angewendet werden. Dazu gehöre, dass sie ausreichend eingeweicht werden, dass man sie nach dem Einweichen nicht so lange stehen lässt, dass sich Mikroorganismen darin vermehren können, und dass man sie als Bestandteil von Mischfuttermitteln nur bis zu einem maximalen Prozentsatz von 10-15% einsetzt. Zeyner erklärt: „Zellulose aus Heu wird ganz langsam fermentiert. Das ist diätetisch sehr wertvoll. Zucker ist recht ungünstig. Er verschwindet gleich im Magen oder im Dünndarm. Bei Stärke hängt die Wirkung von der eingesetzten Art und Menge ab. Die Fermentation des Pektins bietet eine hohe Energiegewinnung, ähnlich wie bei Stärke. Im Gegensatz zur Stärke, findet die Fermentation von Pektin aber sehr langsam statt.“ Das sei ein Vorteil, weil es durch die sehr langsame Fermentation eben nicht zu einer Verschiebung der Mikrobengesellschaft im Dickdarm komme. Zu der Vorstellung, dass eine eventuelle Vergrößerung der Protozoenpopulation Schaden anrichten könnte erklärt Zeyner, dass bisher nur sehr wenig über die Protozoenausstattung beim Pferd bekannt sei. Protozoen würden aber beim Wiederkäuer im Pansen, wenn sie angeregt würden, größere Partikel wie z. B. Stärkegranula und selbst Bakterien granulieren und diese dadurch dem Fermentationsweg entziehen. Das führe eher zu einer geringeren Säurebildung. Rübenschnitzel sieht sie aus zwei Gründen als gutes Ergänzungsfutter: Zum einen, um den Dickdarm energetisch zu stimulieren, ohne dass es zu einer Übersäuerung kommt und zum anderen, um den Nahrungsbrei im Magen aufzulockern, was für die Durchsaftung des Mageninhaltes mit Magensäure wiederum wichtig sei, damit die weitere Verdauung reibungslos ablaufen kann. Außerdem würden durch eine ordentliche Vermischung mit der Magensäure von außen in das Pferd hineingetragene Mikroorganismen weitgehend unschädlich gemacht. Allerdings warnt die Wissenschaftlerin: „Natürlich dürfen Sie Heu nicht durch Pektine ersetzen, sondern dies darf immer nur als Ergänzung eingesetzt werden.“


Fazit:

Wissenschaftliche Studien aus Deutschland bescheinigen Rübenschnitzeln also eine gute Verträglichkeit in der Pferdefütterung. Da ich persönlich ein Pferd habe, das auf die Fütterung von Rübenschnitzeln wie Frau Dr. Fritz es beschreibt, mit Stoffwechselproblemen reagierte, kann ich persönlich ihre Ausführungen aber auch nicht von der Hand weisen. Ich kann allerdings auch nicht genau sagen, ob an dieser Reaktion die Pektine oder der Zuckergehalt Schuld waren.

Die Wahrheit liegt bestimmt wie so oft irgendwo in der Mitte. So wie jedes unserer Pferde ein Individuum mit eigenen Bedürfnissen ist, so individuell muss auch bei der Fütterung auf sie eingegangen werden. Das bedeutet für mich in diesem Zusammenhang: Rübenschnitzel sind nicht zwingend für alle Pferde und auch nicht in großen Mengen für die Fütterung von Pferden geeignet. Ganz besonders berücksichtigen sollte man dabei die immer größer werdende Gruppe der Freizeitpferde, bei der allein mit Heu meist schon eine ausreichende Energieversorgung gewährleistet ist. Für Pferde mit höheren Energieansprüchen als leckere Abwechslung im Winterspeiseplan, als Ausgleich einer Haferration sowie in angepasster Menge zur Bereitstellung schneller Energie bei Sportpferden können Rübenschnitzel durchaus positive Eigenschaften haben. Gutes Heu muss aber immer der Grundstein jeder Pferdefütterung sein und in ausreichender Menge ständig zur Verfügung stehen. Ich bedanke mich bei Frau Dr. Fritz und bei Frau Prof. Dr. Zeyner, dass sie sich die Zeit genommen haben, mir meine Fragen für diesen Artikel so umfangreich persönlich zu beantworten.


Quellen:

  • Meyer/Coenen, Pferdefütterung, 5. vollständig überarbeitete Auflage 2014 in Zusammenarbeit mit Ingrid Vervuert                                                           
  • Ingolf Bender, Kosmos, 4. aktualisierte Auflage 2011                                      
  • Christina Fritz, Pferde fit füttern, Cadmos, 3. Auflage 2014                                                            
  • www.tipps-zum-pferd.de                                                                                                                                       
  • www.dr-susanne-weyrauch.de

Text: Agnes Trosse

 

 

 

Phlegmone- Eine Entzündung schafft dicke Probleme

Fakten:

Die Phlegmone ist eine eitrige Unterhautentzündung bei der Bindegewebe und Lymphgefäße beteiligt sind und die unter Reitern häufig auch als „Einschuss“ bezeichnet wird.

Das Unterhautbindegewebe kann aufgrund seiner lockeren Struktur bei einer Verletzung mit entzündlichem Geschehen sehr stark anschwellen und eitern, wenn Bakterien, von der Haut oder aus der Umgebung des Pferdes in die Wunde eindringen. Die Erreger können sich dann immer weiter ausbreiten und das Gewebe zerstören. Die Phlegmone ist am Anfang serös. Das bedeutet, dass die Entzündung an der Gewebeschädigung mit der Absonderung von Flüssigkeit einhergeht. Das Bein schwillt an, die Schwellung ist jedoch noch weich. Im fortgeschrittenen Stadium wird die Schwellung immer fester. Greift man jetzt nicht ein, kann sich daraus eine eitrige Schwellung entwickeln, bei der Gewebe abstirbt. more „Phlegmone- Eine Entzündung schafft dicke Probleme“